Artenschutz: Warum jede bedrohte Art unser Überleben sichert

Die Zahlen sind alarmierend: Zwischen 1970 und 2020 ist die Zahl der Säugetier-, Vogel-, Reptilien-, Amphibien- und Fischarten um 73% zurückgegangen. Ein Drittel aller untersuchten Tier- und Pflanzenarten ist bedroht, und die Rate des Artensterbens ist bis zu 1.000-mal höher als in der vormenschlichen Zeit. Artenschutz ist deshalb keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit für unser eigenes Überleben.

In diesem Artikel zeigen wir dir, was Artenschutz bedeutet, warum jede bedrohte Art wichtig ist, und wie Kettenreaktionen beim Verlust von Arten unser Ökosystem bedrohen. Darüber hinaus stellen wir erfolgreiche Schutzmassnahmen vor und erklären, wie du selbst zum Artenschutz beitragen kannst.

Was ist Artenschutz und warum brauchen wir ihn

Definition Artenschutz

Artenschutz umfasst den Schutz und die Pflege bestimmter wildlebender Arten durch den Menschen. Das können ethische oder ästhetische Gründe sein, häufiger jedoch ökologisch begründete Erkenntnisse. Im Unterschied zum Tierschutz, der sich um das einzelne Individuum kümmert, konzentriert sich Artenschutz auf wildlebende Populationen. Solange eine Population lebensfähig bleibt, sind Tod und Verlust einzelner Individuen hinnehmbar.

Das deutsche Artenschutzrecht verfolgt ein hierarchisch gestuftes Schutzsystem, das sich an der Schutzbedürftigkeit der Tier- und Pflanzenarten ausrichtet. Allen wildlebenden Tieren und Pflanzen kommt ein Mindestschutz zu, während für besonders und streng geschützte Arten ein höheres Schutzniveau greift. Artenschutzrelevante Vorschriften finden sich in internationalen Abkommen wie dem Washingtoner Artenschutzabkommen, im EU-Recht und im Bundes- und Landesrecht.

Die Verbindung zwischen Arten und Ökosystemen

Funktionsfähige und artenreiche Ökosysteme bilden die Grundlage unseres Lebens. Jede Art trägt in ihrem Erbgut ihren eigenen Bauplan mit sich. Die biologische Vielfalt funktioniert damit wie eine wandelnde Bibliothek, in der jedes Buch für eine eigene Art steht. Mit jeder aussterbenden Spezies verschwindet ein Buch endgültig und damit auch ihr Wissen.

Natürliche Lebensräume und Arten versorgen uns mit Nahrung und Trinkwasser, liefern Fasern für Kleidung und Grundstoffe für Arzneien, bieten Schutz vor Stürmen und Überschwemmungen und regulieren das Klima. Schätzungsweise 60 Prozent der weltweiten Ökosysteme haben sich in den letzten 50 Jahren verschlechtert. Ohne die Biodiversität und die Leistungen der Ökosysteme wären die Existenzgrundlage, die Gesundheit und das Wohlergehen aller Völker und Gesellschaften in Gefahr.

Bedrohte Arten als Warnsignal

Seit 1966 werden Rote Listen gefährdeter Arten erstellt, durch die versucht wird, den Grad der Gefährdung von Arten zu beziffern. Die Internationale Rote Liste erfasst mittlerweile 175.909 Arten, von denen mehr als 49.500 in den drei als bedroht geltenden Kategorien eingestuft sind. Fast ein Drittel aller erfassten Arten ist bedroht. Diese Liste dient als Warnsignal für den Naturschutz.

Rund 1 Million Tier- und Pflanzenarten sind in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Das Tempo des globalen Artensterbens ist durch den Einfluss des Menschen um hunderte Male höher als in den letzten 10 Millionen Jahren.

Wie bedrohte Arten unser Überleben direkt sichern

Bestäubung durch Insekten und Nahrungssicherheit

Bestäubung durch Insekten kann zur Verbesserung des landwirtschaftlichen Ertrags von rund 75% der global bedeutendsten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen beitragen. Diese Bestäubungsleistungen werden auf jährlich über 153 Milliarden Euro geschätzt. Der Fortbestand von nahezu 90 Prozent der wildblühenden Pflanzenarten hängt vom Transfer des Blütenpollens durch Bestäuber ab.

Ohne Bestäubung würden Äpfel, Erdbeeren, Mandeln, Tomaten und viele weitere Lebensmittel gar nicht oder nur in stark reduzierter Menge wachsen. Kulturpflanzen wie Himbeeren, Kirschen, Gurken oder Kürbisse tragen ohne Bestäubung schlicht keine Früchte. Darüber hinaus sind Marktfrüchte wie Kaffee und Kakao, die von Tierbestäubung abhängen, wichtige Exportgüter für zahlreiche Entwicklungsländer.

Sauberes Wasser und Luft durch natürliche Kreisläufe

Rund 2,2 Milliarden Menschen weltweit haben laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen keinen regelmässigen Zugang zu sauberem Wasser. Der wichtigste Faktor für eine sichere Wasserversorgung bleibt allerdings meistens unbeachtet: die Ökosysteme der Natur mit ihren vielfältigen Arten und Nahrungsnetzwerken, aus denen das Trinkwasser für bald acht Milliarden Menschen kommt.

Gebirge sammeln Luftfeuchtigkeit als Nebel und Regen ein, Wälder fangen Luftfeuchtigkeit und Regen ein und speichern sie in ihrem Boden, Auen, Seen, Sümpfe und Moore saugen Wasser auf und leiten es in den Untergrund, wo es zu Trinkwasser wird. Pflanzen nehmen Wasser aus dem Boden über ihre Wurzeln auf und geben es durch Transpiration als Wasserdampf in die Atmosphäre ab. Bäume reinigen die Luft, Gewässer sorgen für sauberes Trinkwasser.

Medizinische Ressourcen aus der Natur

Rund die Hälfte aller zugelassenen Arzneimittel würden ohne die Erforschung der Natur gar nicht existieren. Etwa 25 Prozent aller Arzneimittel bestehen direkt aus Naturstoffen wie Pflanzen, Pilzen, Mikroorganismen oder Tieren. Weitere 25 Prozent sind zwar synthetisch, aber von Naturstoffen inspiriert. Weltweit werden schätzungsweise bis zu 70.000 Pflanzenarten zu Heilzwecken eingesetzt.

Beispielsweise stammen etwa 70 Prozent aller Krebsmedikamente entweder direkt aus der Natur oder sind von der Natur inspiriert. Allerdings sind über 20 Prozent der weltweit genutzten Heil- und Aromapflanzen bedroht. Etwa 60 bis 80 Prozent der gehandelten Heilpflanzen stammen aus Wildsammlungen, mit einem jährlichen globalen Handelswert von mehr als drei Milliarden Euro.

Klimaregulierung durch Artenvielfalt

Intakte Wälder, Moore, Küstengebiete und andere Ökosysteme nehmen grosse Mengen CO2 aus der Luft auf und binden es in Biomasse. Nach der Verbrennung fossiler Brennstoffe sind Entwaldung und Degradation die grössten Quellen von CO2-Emissionen. Die Wissenschaft schätzt, dass bis zu 13% der globalen Kohlenstoffemissionen darauf zurückzuführen sind. Fast 120 Tonnen Kohlenstoffdioxid stecken in einem Hektar Wald. Trockengelegt emittieren Moore in Deutschland jedes Jahr 50 Millionen Tonnen CO2.

Kettenreaktionen beim Verlust von Arten

Schlüsselarten und ihre besondere Rolle

Der Ökologe Robert Paine entdeckte 1969, dass bestimmte Arten einen unverhältnismässig grossen Einfluss auf die Artenvielfalt ihrer Lebensgemeinschaft ausüben. Diese Schlüsselarten tragen zur Definition eines Ökosystems bei. Ohne sie würde sich das Ökosystem dramatisch verändern oder aufhören zu existieren. Schlüsselarten haben eine geringe funktionelle Redundanz. Verschwindet die Art, kann keine andere ihre ökologische Nische besetzen.

Beispiel Meeresökosysteme: Wenn Räuber verschwinden

Das Verschwinden der Weissen Haie in der False Bay vor Südafrika hatte schwerwiegende Folgen. Der Verlust der Spitzenprädatoren wirkte sich negativ auf das gesamte Nahrungsnetz aus, von Robben bis zu kleineren Haiarten sowie Fischen. Seeotter regulieren die Populationen von Seeigeln, die sonst Kelpwälder überweiden würden. Ohne den Seetang brechen viele Fischbestände zusammen, weil die Jungfische sich zwischen den Blättern verstecken. Das hat wiederum Auswirkungen auf Lachse, aber auch auf Seevögel wie Möwen oder Seeadler.

Beispiel Landökosysteme: Auswirkungen auf Pflanzenwelt

Seit der Wiederansiedlung des Wolfes 1995 im Yellowstone-Nationalpark hat die Uferbewaldung um das 15-fache zugenommen. Wölfe halten grosse Pflanzenfresser wie Wapitis in ständiger Bewegung. Dadurch fressen die Hirsche nicht mehr jeden jungen Baumtrieb ab. Ohne grosse Pflanzenfresser würden ganze Landschaften komplett veröden. Der Lebensraum für alle anderen Tiere und sogar der Kreislauf von Nährstoffen zwischen Boden und Pflanzen würde sich verändern.

Trophische Kaskaden und ihre Folgen

Unter einer trophischen Kaskade versteht man eine über die Nahrungskette vermittelte Veränderung der Produktion eines Ökosystems durch den Einfluss von Raubtieren auf Pflanzenfresser. Der Weltbiodiversitätsrat warnt vor unkalkulierbaren Folgen des Artenverlustes. In Ökosystemen gibt es sogenannte Kipppunkte, an denen plötzliche und unumkehrbare Prozesse eintreten können.

Artenschutz in der Praxis: Erfolge und Massnahmen

Schutzgebiete und ökologische Vernetzung

Über 300 Wildtierkorridore wurden in der Schweiz identifiziert, viele davon durch Strassen, Siedlungen und intensive Landnutzung unterbrochen. Die Isolation von Lebensräumen gilt als eine der Hauptursachen für das Artensterben. Deshalb soll ein Netz verbundener Biotope geschaffen werden, das mindestens zehn Prozent der Fläche umfasst. Der Kanton Aargau schied bereits 1996 Wildtierkorridore aus und nahm schweizweit die Vorreiterrolle ein. Insgesamt wurden 78 überregionale Korridore ausgeschieden, bei denen die Funktionstüchtigkeit von wildtierspezifischen Bauwerken wie Wildtierüberführungen abhängt.

Internationale Abkommen und Zusammenarbeit

Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen umfasst derzeit etwa 6.610 Tier- und 34.310 Pflanzenarten. Inzwischen gehören dem Übereinkommen weltweit 185 Vertragsparteien an. Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt zählt mit 196 Vertragsparteien zu den umfassendsten verbindlichen internationalen Abkommen im Bereich Naturschutz. Auf der Weltnaturkonferenz 2022 verständigten sich 196 Staaten auf das 30×30-Ziel: 30 Prozent der Land- und Meeresflächen sollen bis 2030 unter Schutz stehen.

Positive Beispiele: Arten, die sich erholen

Der Seeadler kam in der Bundesrepublik noch mit vier Paaren vor, während es in der DDR etwa 60 Paare waren. Heute leben in Deutschland wieder 850 Paare. Der Kranich brütet mittlerweile mit rund 10.000 Paaren in Deutschland. Der Europäische Biber breitet sich in allen Teilen des Landes aus. Von 2000 bis 2007 wurden insgesamt 24 Luchse ausgewildert, seither kam in jeder Saison Nachwuchs zur Welt.

Wie jeder Einzelne zum Artenschutz beitragen kann

Nachhaltigkeitssiegel wie das FSC-Siegel für Holzprodukte oder das MSC-Siegel für Fischerei gewährleisten, dass die Produkte aus nachhaltiger Nutzung stammen. Beim Kauf von Souvenirs im Ausland sollte auf Arten verzichtet werden, die unter Artenschutz stehen. Heimische Pflanzen mit Pollen und Nektar für Insekten unterstützen die Artenvielfalt auf Balkon und im Garten. Vogelhäuser schaffen einen geschützten Platz zum Nisten und fördern den Bestand bedrohter Vogelarten.

Schlussfolgerung

Artenschutz ist grundlegend für unser Überleben. Jede bedrohte Art erfüllt eine unverzichtbare Rolle in den Ökosystemen, die uns mit Nahrung, Wasser, Medizin und Klimaregulierung versorgen. Die gute Nachricht: Erfolgreiche Beispiele wie Seeadler und Kranich zeigen, dass sich Arten erholen können. Wir haben die Werkzeuge und das Wissen für effektiven Artenschutz. Nutze die vorgestellten Massnahmen, um selbst aktiv zu werden. Dein Beitrag zählt, denn Artenschutz beginnt bei jedem Einzelnen von uns.

FAQs

Q1. Welche konkreten Massnahmen umfasst der Artenschutz? Artenschutz beinhaltet den Schutz und die Pflege wildlebender Tier- und Pflanzenarten. Dazu gehören die Einrichtung von Schutzgebieten, die Schaffung ökologischer Vernetzungen durch Wildtierkorridore, internationale Abkommen wie das Washingtoner Artenschutzübereinkommen sowie praktische Massnahmen wie Wiederansiedlungsprogramme. Das deutsche Artenschutzrecht arbeitet mit einem gestuften Schutzsystem, das allen wildlebenden Arten einen Mindestschutz gewährt, während besonders und streng geschützte Arten ein höheres Schutzniveau geniessen.

Q2. Warum ist jede einzelne Art wichtig für unser Überleben? Jede Art trägt zur Funktionsfähigkeit der Ökosysteme bei, die unsere Lebensgrundlagen sichern. Insekten bestäuben 75% der wichtigsten Nutzpflanzen und sichern damit unsere Nahrung. Natürliche Ökosysteme liefern sauberes Wasser und Luft, etwa die Hälfte aller Arzneimittel basiert auf natürlichen Ressourcen, und intakte Wälder und Moore regulieren das Klima durch CO2-Bindung. Der Verlust einer Art kann Kettenreaktionen auslösen, die ganze Ökosysteme destabilisieren.

Q3. Welche Tierarten sind in Deutschland besonders gefährdet? In Deutschland sind zahlreiche Arten bedroht, wobei ein Drittel aller untersuchten Tier- und Pflanzenarten als gefährdet gilt. Besonders betroffen sind viele Insektenarten, die für die Bestäubung wichtig sind, sowie verschiedene Vogel-, Amphibien- und Säugetierarten. Allerdings gibt es auch Erfolgsgeschichten: Seeadler, Kraniche, Biber und Luchse haben sich dank gezielter Schutzmassnahmen wieder erholt und ihre Bestände deutlich vergrössert.

Q4. Was sind die drei Ebenen der biologischen Vielfalt? Biologische Vielfalt umfasst die Artenvielfalt (Vielfalt verschiedener Tier- und Pflanzenarten), die genetische Vielfalt (Vielfalt innerhalb der Arten durch unterschiedliche Erbinformationen) und die Ökosystemvielfalt (Vielfalt der Lebensräume und ökologischen Gemeinschaften). Alle drei Ebenen sind eng miteinander verbunden und bilden zusammen die Grundlage für funktionierende Ökosysteme, die uns mit lebenswichtigen Ressourcen versorgen.

Q5. Wie kann ich persönlich zum Artenschutz beitragen? Jeder kann aktiv zum Artenschutz beitragen: Achten Sie beim Einkauf auf Nachhaltigkeitssiegel wie FSC für Holz oder MSC für Fisch. Pflanzen Sie heimische, nektarreiche Pflanzen auf Balkon oder im Garten, um Insekten zu unterstützen. Installieren Sie Vogelhäuser für bedrohte Vogelarten. Vermeiden Sie beim Reisen den Kauf von Souvenirs aus geschützten Arten. Schon kleine Veränderungen im Alltag können einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten.

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