Naturschutz jetzt: Warum die Natur unsere Stimme braucht

Person with backpack stands in a wildflower meadow by a river with mountains and a bird on a post in the background.

Naturschutz ist dringender denn je, doch die Natur selbst kann nicht für sich sprechen. Laut einer repräsentativen Umfrage stufen Schweizerinnen und Schweizer den Klimawandel bedrohlicher ein als Terrorismus oder Wirtschaftskrisen. Gleichzeitig geben 59 Prozent der jungen Menschen an, dass sie Angst vor der Zukunft haben. Diese Zahlen zeigen deutlich: Wir müssen der Natur unsere Stimme leihen. Deshalb beleuchten wir in diesem Artikel, warum Naturschutz Schweiz uns alle betrifft und wie wir konkret handeln können. Beispielsweise durch die Fachstelle Naturschutz, Naturschutz Spenden oder die Unterstützung vom Schweizerischen Bund für Naturschutz. Tatsächlich braucht es Naturschutz mit Hand und Herz – jetzt.

Warum die Natur keine eigene Stimme hat

Menschen treffen alle Entscheidungen

Unsere Gesellschaft basiert auf einem anthropozentrischen Weltbild. Nach diesem Ansatz besitzen Tiere, Pflanzen und unbelebte Materie keinen eigenständigen Wert und existieren lediglich zum Nutzen der Menschen. Insofern stellen sich ethische Fragen nur im Verhältnis von Mensch zu Mensch. Diese Denkweise prägt sämtliche Entscheidungsprozesse in Politik und Wirtschaft.

Die politische Realität in der Schweiz belegt diese Ausrichtung deutlich. Während der alte Nationalrat in knapp zwei Dritteln der Abstimmungen für die Umwelt stimmte, sagte der neue Nationalrat bisher in nur etwas mehr als einem Drittel der Fälle ja zur Umwelt. Im ersten Jahr der neuen Amtszeit stimmte der Nationalrat in rund 38 Prozent der umweltpolitisch besonders wichtigen Abstimmungen zugunsten des Umweltschutzes. Demgegenüber hatte die grosse Kammer des Parlaments in der letzten Legislatur noch in 60 Prozent der zentralen Abstimmungen umweltfreundlich gestimmt.

Besonders bei den Themen Landwirtschaft, Verkehr und Artenschutz verhält sich der Nationalrat deutlich weniger umweltfreundlich. Beispielsweise haben 18 SVP-Nationalräte in der neuen Legislatur jedes Mal gegen Umweltanliegen gestimmt. Entsprechend bleibt naturschutz oft ein Nischenthema ohne politisches Gewicht.

Natur kann sich nicht wehren

Tiere und Pflanzen haben keine Lobby. Sie können nicht wählen, nicht klagen, nicht demonstrieren. Naturschutzverbände stehen der Erosion des Naturschutzes weitgehend hilflos gegenüber, ihre zahlreichen Resolutionen und Stellungnahmen bleiben in der Regel ohne messbare Wirkung. Zudem verwenden amtliche Naturschützer den Grossteil ihrer Arbeitszeit mit Schadensbegrenzung bei Bau- und Infrastrukturprojekten. Die biologische Vielfalt stirbt folglich einen tausendfachen leisen Tod durch Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie, bei denen sie letztlich immer auf der Strecke bleibt.

Planetare Grenzen werden ignoriert

Die Menschheit verlässt ihren sicheren Handlungsraum und erhöht so das Risiko, den Planeten zu destabilisieren. Sieben von neun planetaren Grenzen sind mittlerweile überschritten: Klimawandel, Integrität der Biosphäre, Veränderung der Landnutzung, Veränderung des Süsswasserkreislaufs, Veränderung der biogeochemischen Kreisläufe, Eintrag menschengemachter Substanzen sowie Ozeanversauerung. Die Belastungsgrenze der Biosphäre ist bereits seit Ende des späten 19. Jahrhunderts überschritten. Dennoch treffen wir weiterhin Entscheidungen, als hätten wir unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung.

Die Folgen des Schweigens: Was auf dem Spiel steht

Artensterben beschleunigt sich

Die Dimension des Artensterbens übersteigt alles bisher Dagewesene. Laut dem Biodiversitätsrat IPBES sind von geschätzten acht Millionen Arten weltweit etwa eine Million vom Aussterben bedroht. In der Schweiz präsentiert sich die Lage ebenso alarmierend: Ein Drittel aller untersuchten Tier- und Pflanzenarten ist bedroht. Besonders hart trifft es Amphibien mit 41 Prozent und Korallen mit 44 Prozent bedrohter Arten.

Rund die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten in den weltweit bedeutendsten Naturregionen werden mittelfristig dem Klimawandel zum Opfer fallen. Selbst wenn das Zwei-Grad-Limit eingehalten wird, würde noch jede vierte Spezies in den Schlüsselregionen verschwinden. Die Moore haben seit 1900 einen Flächenrückgang von 82 Prozent erlitten, die Trockenwiesen und Weiden sind im selben Zeitraum um 90 Prozent zurückgegangen.

Ökosysteme kollabieren

Weltweit ist ein Fünftel aller Länder akut davon bedroht, dass ihre Ökosysteme aufgrund eines Rückgangs der biologischen Vielfalt zusammenbrechen. Länder mit fragilen Ökosystemen auf mehr als 30 Prozent ihrer Fläche sind dem Risiko ausgesetzt, dass diese früher oder später kollabieren. Tatsächlich könnte eine Kombination aus vom Menschen gemachten Stressfaktoren und klimabedingten Wetterextremen den Kollaps globaler Ökosysteme um bis zu 80 Prozent beschleunigen.

Klimawandel bedroht Lebensgrundlagen

Der Weltklimarat IPCC geht davon aus, dass ein durchschnittlicher Anstieg von 1,5 Grad das Aussterben von etwa 20 bis 30 Prozent aller Arten verursachen könnte. Bei einer Erwärmung von mehr als 1,5 Grad werden 70 bis 90 Prozent der Korallen absterben. Gleichzeitig ist der Klimawandel weltweit eine der zentralen Ursachen für Hunger und Armut. Die Vereinten Nationen befürchten, dass bis zum Jahr 2050 weltweit mehr als 200 Millionen Menschen infolge des Klimawandels aus ihrer Heimat vertrieben werden.

Zukünftige Generationen verlieren ihre Basis

Jede Tonne CO2, die wir heute in die Atmosphäre emittieren, wird für Jahrhunderte dort verbleiben und das Klima jetzt und in der Zukunft beeinflussen. Zukünftige Generationen sind naturgemäss heute nicht da, um für ihre Rechte einzutreten. Dennoch müssen wir kommende Generationen stets mit bedenken und einen solchen Zustand hinterlassen, dass diese ihre Grundbedürfnisse vorhersehbar erfüllen können.

Wie wir der Natur eine Stimme geben können

Handlungsmöglichkeiten existieren auf verschiedenen Ebenen. Von lokalen Initiativen bis zu politischer Partizipation können wir der Natur konkret helfen.

Naturschutz Schweiz: Aktiv werden vor Ort

Pro Natura arbeitet zusammen mit den Sektionen und über 3.000 Freiwilligen an rund 250 Projekten, die die Natur in allen Regionen der Schweiz fördern. Dabei entstehen Amphibientümpel unter Strommasten, Moorrenaturierungen oder Mitmachaktivitäten für Kinder. Der WWF bietet ebenfalls vielfältige Freiwilligeneinsätze: vom Pflanzen von Hochstammobstbäumen über die Betreuung von WWF-Läufen bis zum Zeigen der Natur in Kinderlagern. BirdLife setzt auf ehrenamtliche Mitarbeit in lokalen Sektionen und Naturschutzprojekten. Dank dieser Freiwilligenarbeit können Naturschutzgebiete optimal gepflegt und Projekte realisiert werden.

Naturschutz Spenden für konkrete Projekte

Spenden finanzieren einen grossen Teil der Naturschutzarbeit in der Schweiz. Bei BirdLife tragen Spenden dazu bei, dass Artenförderprogramme vorangebracht werden, die Natur im Kulturland mehr Platz erhält oder der Kampf gegen Gefahren für die Biodiversität verstärkt werden kann. Patenschaften ermöglichen konkrete Wirkung für bedrohte Arten wie Kiebitz, Wiedehopf oder Eisvogel.

Politische Teilnahme und Abstimmungen

Am 22. September 2024 haben die Schweizer Stimmberechtigten über die Biodiversitätsinitiative abgestimmt. Solche Abstimmungen bieten die Möglichkeit, der Natur eine Stimme zu geben. Über 50 Organisationen unterstützten die Kampagne für die Biodiversitätsinitiative.

Fachstelle Naturschutz nutzen

Im Kanton Zürich betreut die Fachstelle Naturschutz 1.000 kantonal bedeutende Naturschutzgebiete. Sie schützt und fördert die Vielfalt der einheimischen Tier- und Pflanzenarten im Auftrag der Regierung.

Naturschutz mit Hand und Herz im Alltag

Pro Natura Aargau bietet öffentliche Pflegeeinsätze in verschiedenen Schutzgebieten an. Freiwillige helfen bei der Auflichtung von Waldrändern, der Entbuschung von Weiden oder der Bekämpfung invasiver Pflanzen.

Konkrete Wege zum Handeln jetzt

Schweizerischer Bund für Naturschutz unterstützen

Pro Natura ist die älteste Naturschutzorganisation der Schweiz und wurde 1909 gegründet. Zu den Pioniertaten gehört die Schaffung des Schweizerischen Nationalparks. Heute betreut Pro Natura rund 700 bis 800 Naturschutzgebiete und führt über ein Dutzend Naturschutzzentren in der ganzen Schweiz. Mit über 160.000 Mitgliedern und rund 25.000 Gönnerinnen und Gönnern ist die Organisation breit abgestützt. Eine Mitgliedschaft leistet einen direkten Beitrag zur Pflege dieser Schutzgebiete und zum Erhalt wertvoller Lebensräume. Pro Natura ist Zewo-zertifiziert, was transparenten Umgang mit Spendengeldern garantiert.

Eigenen Lebensstil überdenken

Der CO2-Ausstoss lässt sich durch Ökostrom um 90 Prozent senken. Ein Vier-Personen-Haushalt kann durch den Wechsel zu Ökostrom im Jahr rund eine Tonne CO2 einsparen. Wer fünf Kilometer Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurücklegt, spart rund 365 Kilogramm CO2 im Jahr. Eine vegetarische Ernährung pro Person spart 300 bis 400 Kilogramm CO2 im Jahr.

Lokale Naturschutzprojekte starten

Mit dem Beitritt zu einem lokalen Naturschutzverein stärken wir den Naturschutz direkt vor Ort. Falls an unserem Wohnort noch kein Verein existiert, können wir gemeinsam mit Gleichgesinnten einen neuen gründen. BirdLife Schweiz unterstützt bei der Gründung.

Bildung und Bewusstsein schaffen

Die Wahrnehmung, dass ein transformativer Wandel nötig ist, hat in der Bevölkerung deutlich zugenommen: Im Jahr 2023 sind fast drei Viertel der Erwachsenen von der Dringlichkeit überzeugt. 85 Prozent der Erwachsenen und 80 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, dass die Erhaltung und Wiederherstellung von Ökosystemen eine vorrangige gesellschaftliche Aufgabe ist.

Schlussfolgerung

Die Natur kann nicht für sich sprechen, deshalb müssen wir es tun. Ob durch Naturschutz Spenden, Freiwilligenarbeit beim Schweizerischen Bund für Naturschutz oder politische Teilnahme: Handlungsmöglichkeiten stehen uns allen offen. Jede Tonne CO2, die wir heute einsparen, schützt zukünftige Generationen. Naturschutz mit Hand und Herz beginnt jetzt, denn die planetaren Grenzen sind bereits überschritten. Warten können wir uns nicht mehr leisten.

FAQs

Q1. Warum kann die Natur nicht selbst für ihren Schutz eintreten? Tiere, Pflanzen und Ökosysteme haben keine Möglichkeit, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Sie können nicht wählen, nicht demonstrieren und nicht klagen. Deshalb sind sie auf Menschen angewiesen, die ihre Interessen vertreten und sich für ihren Schutz einsetzen.

Q2. Wie viele Tier- und Pflanzenarten sind weltweit vom Aussterben bedroht? Laut dem Biodiversitätsrat IPBES sind von geschätzten acht Millionen Arten weltweit etwa eine Million vom Aussterben bedroht. In der Schweiz ist ein Drittel aller untersuchten Tier- und Pflanzenarten gefährdet, wobei Amphibien mit 41 Prozent besonders stark betroffen sind.

Q3. Welche konkreten Möglichkeiten gibt es, sich für den Naturschutz zu engagieren? Es gibt verschiedene Wege: Man kann Naturschutzorganisationen wie Pro Natura oder WWF durch Spenden oder Mitgliedschaft unterstützen, an Freiwilligeneinsätzen zur Pflege von Schutzgebieten teilnehmen, bei politischen Abstimmungen für Umweltanliegen stimmen oder lokale Naturschutzprojekte initiieren.

Q4. Wie kann ich im Alltag zum Naturschutz beitragen? Durch den Wechsel zu Ökostrom lässt sich der CO2-Ausstoss um 90 Prozent senken. Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, spart bei fünf Kilometern Arbeitsweg rund 365 Kilogramm CO2 pro Jahr. Eine vegetarische Ernährung reduziert den CO2-Ausstoss um 300 bis 400 Kilogramm jährlich.

Q5. Was sind planetare Grenzen und warum sind sie wichtig? Planetare Grenzen definieren den sicheren Handlungsraum der Menschheit. Von neun Grenzen sind bereits sieben überschritten, darunter Klimawandel, Artenvielfalt und Landnutzung. Die Überschreitung erhöht das Risiko, den Planeten zu destabilisieren und unsere Lebensgrundlagen zu gefährden.

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